Wie kann man sich die Entwicklung einer Hörspielserie vorstellen?

In einem ersten Schritt haben wir uns die vorhandenen Geschichten von Sir Conan Doyle vorgenommen und sie genau durchgearbeitet. Da die Originaltexte allesamt im viktorianischen England spielen, mussten wir Änderungen und Interpretationen vornehmen, sodass sie im London von heute auch funktionieren konnten.

Wichtig war es uns, die Originalfiguren auch in unseren Geschichten einzubinden sowie die Originalgeschichten als solche in einzelnen Facetten bestehen zu lassen. Ich denke, uns ist so eine spannende Neuauflage gelungen.

Einige Aspekte der alten Geschichten ließen sich mit nur wenig Aufwand in ein moderneres Gewand stecken. So wurde zum Beispiel aus dem Biografen Watson ein Blogger, der mit seinen Followern auch mal chattet.

Selbstverständlich bedienen sich Sherlock und Watson auch moderner technischer Hilfsmittel, die es im viktorianischen England noch nicht gab. Aber dennoch kann man die Originalfaszination für Sherlocks Genie immer noch spüren und ist auch in unseren Fällen verblüfft, wie er auf seine Lösungen gekommen ist. Im Grunde benötigt er diese modernen Hilfsmittel nicht unbedingt. Das war uns wichtig.

Zum Teil habt ihr gemeinsam an der Entwicklung der Texte gearbeitet – wie lief die Zusammenarbeit?

In diesem Fall haben wir zwei Fälle und zwei Erzählebenen miteinanderverknüpft und diese untereinander aufgeteilt. Am Ende wurden beide Ebenen dann zu einer funktionierenden Geschichte zusammengefügt.

Was gefällt Dir an der Hörspielserie um Sherlock & Watson besonders gut?

Ich war schon immer ein großer Sherlock-Holmes-Fan und als solcher konnte ich mich bei diesem Projekt richtig austoben.

Mir gefallen die Erzählstrukturen, die wir hier gewählt haben. Jeder Fall hat seinen ganz eigenen Einstieg und interessante Fälle, die hier und da mal zeitgeschichtliche Referenzen ziehen, mal popkulturelle Zitate aus Film, Literatur oder Songtexten versteckt halten.

Ganz besonders gefällt mir der Antagonismus zwischen Sherlock und Moriarty und natürlich auch die vielen verschrobenen Nebenfiguren wie Mycroft, Mrs Hudson oder Inspector Lestrade.

Die ganze Welt der Baker Street macht einfach sehr viel Spaß!

Welche Erfahrungen hast Du mit dem Schreiben von Hörspielen?

Ich habe mein erstes Hörspiel 1998 geschrieben und viele Jahre als Hörspielregieassistentin für den WDR gearbeitet. Zahlreiche Hörspielbearbeitungen habe ich seitdem geschrieben, produziert und begleitet.

Worin liegt der besondere Reiz ein Hörspiel zu konzipieren?

Als ausgebildete Drehbuchautorin gefällt mir an der Gattung des Hörspiels, dass hier die Dialoge und Erzählpassagen im Fokus liegen. Mittels der Sprache transportieren wir Handlung, Stimmung und das Setting.

Da dem Zuhörer, anders als beim Theater, Film oder Fernsehen die visuelle Ebene fehlt, entsteht so eine Art Kopfkino, das dem Zuhörer eine eigene Imagination möglich macht. Ähnlich wie beim Lesen hat so jeder Hörer ein ganz persönliches Bild von den Figuren und Handlungsabläufe. Geräusche und Musik wiederum fassen das Ganze dann zu einem Hörerlebnis zusammen, sodass die Illusion eines Hör-Films perfekt funktioniert.

Besonders faszinierend finde ich, dass es uns möglich ist, auch in die Gedankenwelten der Figuren zu tauchen und sie den Hörern direkt mitzuteilen.

Bist Du selbst Sherlock-Holmes-Fan? Welche Verbindung hast Du zu dem Stoff?

Ich bin schon seit vielen Jahren ein großer Fan von den alten Sherlock-Holmes-Geschichten. Vor diesem Projekt habe ich an einer Sherlock-Holmes-Hörspielproduktion von Bastian Pastewka gearbeitet.

Sir Arthur Conan Doyle hat mit seiner Figur eine Art Archetypus des Privatdetektivs geschaffen und das sogenannte »Whodunit« (Wer war es?), das sich in allen Geschichten von Sherlock Holmes finden lässt, lädt immer noch ein, mitzufiebern und mitzurätseln.

Aber ganz besonders gefällt mir der verschrobene Charakter des Meisterdetektivs. Sherlock Holmes hat Ecken und Kanten, ist kein makelloser Held, hat auch abgründige Charaktereigenschaften. In unserer modernen Adaption haben wir versucht, dies beizubehalten.

Was war die größte Herausforderung während der Arbeit an den Manuskripten zu den Hörspielen?

Die größte Herausforderung war es, dem literarischen Original inhaltlich gerecht zu werden, zugleich aber etwas Eigenes, Modernes zu schaffen. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen. Wir verstehen unsere Interpretationen als »Pastiches« und nicht als reine Neuauflage der Originalgeschichten.

Und jetzt? Gespannt auf die fertige Produktion mit Johann von Bülow als Sherlock und Florian Lukas als John Watson?

Auf jeden Fall. Mit diesen beiden tollen Schauspielern haben wir eine Idealbesetzung der Hauptfiguren gefunden. Ich freue mich schon auf ein unvergessliches Hörvergnügen und wünsche allen Zuhörern viel Spaß dabei.


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