Der Meisterdetektiv in der Literatur

Nacherzählungen, Fortsetzungsgeschichten und ganz neue Fälle – alle wollen Sherlock Holmes

Schon zu Arthur Conan Doyles Lebzeiten erschienen erste Pastiches, Fortsetzungen und Ergänzungen zu den Sherlock-Holmes-Romanen, die auf die bekannten Charaktere zurückgreifen, und sie neue Abenteuer erleben lassen. Kein Wunder, erfreuten sich doch die Geschichten um den genialen Detektiv und seinen treuen Begleiter so großer Beliebtheit, dass enttäuschte Londoner Trauerflor trugen, als Doyle den Hauptcharakter in »Das letzte Problem« sterben ließ.

Der erste bekannte Pastiche erschien 1947 im The-Strand-Magazine, in dem fast alle Sherlock Holmes Geschichten veröffentlicht wurden. »The Case of the Man Who Was Wanted« wurde für eine Erzählung von Doyle gehalten, stammte aber tatsächlich aus der Feder von Arthur Whitaker. Er hatte die Erzählung bereits 1914 geschrieben und an Arthur Conan Doyle gesandt, in dessen Nachlass sie schließlich gefunden wurde. Bereits 1902 hatte Mark Twain eine Satire auf Doyles Werk und auf viktorianische Detektivgeschichten im Allgemeinen veröffentlicht.

Von Herlock Sholmès, Dr. Wilson und Mr. Mycroft

Bis 1981, 50 Jahre nach Arthur Conan Doyles Tod, war es aufgrund des Urheberrechts untersagt, die Namen Sherlock Holmes und Dr. Watson für eigene Erzählungen zu verwenden. Daraufhin erdachten einige Autoren kuriose Neuschöpfungen, um den Meisterdetektiv für jeden erkennbar in ihren Erzählungen auftauchen zu lassen. In zwei Erzählungen um den französischen Meisterdieb Arsène Lupin, der Sherlock Holmes sehr ähnelt, lässt Autor Maurice Leblanc seinen Helden gegen einen Detektiv namens Herlock Sholmès und seinen Partner Dr. Wilson antreten. Für die englische Übersetzung entschied man sich, den Detektiv Holmlock Shears zu nennen. Drei Romane von Henry Fitzgerald Heard drehen sich um Sherlock Holmes im Ruhestand, er tritt hier als Bienenzüchter unter dem Namen Mr. Mycroft auf (Mycroft ist der Name von Holmes’ Bruder).

Riesenratten, Außerirdische und Sigmund Freud – neue Abenteuer für Sherlock Holmes

Eine große Quelle der Inspiration für Pastiches sind Andeutungen und Lücken in Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Reihe. So erwähnt Dr. Watson einige unveröffentlichte Fälle, die er nicht veröffentlicht habe, um die öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden. Einer dieser Fälle ist die »Riesenratte von Sumatra«, den Sherlock Holmes gegenüber Dr. Watson im Fall »Der Vampir von Sussex« erwähnt. Dieser Fall, den Sherlock Holmes entweder vor ihrer Bekanntschaft oder kurz nach Watsons Hochzeit mit Mary Morstan bearbeitet haben muss, hat die Fantasie vieler Autoren angeregt. Zahlreiche Bücher und ein Film erzählen das Abenteuer um das mysteriöse Riesennagetier.

Die vielen Gesichter von Sherlock Holmes: Junge Geliebte und seelische Abgründe

Auch Holmes’ Jahre im Exil, nach seinem Sturz in die Reichenbachfälle, wurden von Autoren mit neuen Fällen gefüllt. Vor allem seine Zeit in Tibet wurde Gegenstand zahlreicher Pastiches. Erste Fälle des jungen Sherlock Holmes ohne seinen treuen Begleiter Dr. Watson hat zum Beispiel Andrew Lane erdacht. Zusammen mit einer jüngeren Geliebten löst ein schon gealterter Sherlock Holmes Fälle in der Reihe von Laurie R. King. In zahlreichen Pastiches trifft Sherlock Holmes auch auf andere berühmte Persönlichkeiten. So jagt er Jack the Ripper durch Londoner Gassen und liegt bei Sigmund Freud auf der Couch. Der Psychiater versucht nicht nur seine Drogensucht zu heilen, sondern entdeckt in Michael Dibdins Pastiche »Der letzte Sherlock-Holmes-Roman« auch die dunklen Seiten des genialen Detektivs. Immer wieder wird der berühmte Meisterdetektiv auch in andere Zeiten versetzt. So gibt es Geschichten, in denen Holmes eine Invasion durch Außerirdische miterlebt oder in der Moderne ermittelt.

Sherlock Holmes auf Leinwand und Bühne

Vom Stummfilmstar zum Actionhelden

Seit den Anfängen des Films war Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes ein beliebtes Filmthema. Von 1964 bis heute erschien jedes Jahr mindestens eine neue Verfilmung der Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs. Insgesamt existieren derzeit 217 Filme, Sherlock Holmes wurde von 81 verschiedenen Schauspielern dargestellt und nur einer von ihnen, Peter Cushing, spielte Sherlock Holmes in zwei verschiedenen Verfilmungen derselben Geschichte. Es handelt sich dabei um den »Hund der Baskervilles«, die am häufigsten verfilmte Sherlock-Holmes-Erzählung. Der älteste Sherlock-Holmes-Film entstand 1900 und hat bis auf den Namen der Titelfigur nichts weiter mit den Werken von Arthur Conan Doyle gemein. Der nur eine halbe Minute lange Stummfilm zeigt einen verzweifelten Holmes, der einen sich immer wieder in Luft auflösenden Einbrecher jagt.

Sherlock Holmes kommt nach Deutschland

Eine erste Stummfilmreihe mit 11 Folgen entstand in den Jahren 1908 bis 1911, zahlreiche Kinofilme folgten in ganz Europa. Die Filme waren zumeist Pastiches, die neu erfundene Abenteuer von Sherlock Holmes und seinem Partner Dr. Watson erzählten. Im 1937 in Deutschland erschienenen Film »Der Mann der Sherlock Holmes war« hat sogar der Schöpfer des berühmten Meisterdetektivs, gespielt von Paul Bildt, einen Auftritt, was dazu führte, dass zumindest die kurze Szene wegen Einspruchs der Erben von Arthur Conan Doyle bis in die 70er Jahre nicht gezeigt werden durfte.

Eines der populärsten Schauspielerduos in der Geschichte der Sherlock-Holmes-Verfilmungen bilden Basil Rathbone als Sherlock Holmes und Nigel Bruce als Dr. Watson. Zwischen 1939 und 1946 entstanden 14 Sherlock-Holmes-Filme mit den beiden Hauptdarstellern, wobei ein Großteil der erzählten Geschichten die Handlung in die 40er Jahre verlegte. Ebenfalls größeren Bekanntheitsgrad erlangten die actionreichen Pastiches mit Robert Downey Jr. als Sherlock Holmes und Jude Law als John Watson. Neue Serien wie »Elementary« und »Sherlock« verlegen die Abenteuer des Meisterdetektivs in die Moderne.

Sherlock Holmes auf der Bühne

Einer der bekanntesten Aussprüche von Sherlock Holmes, »Elementary, my dear Watson« stammt gar nicht aus den Büchern von Arthur Conan Doyle, sondern aus dem um 1899 geschriebenen Theaterstück »Sherlock Holmes«. Zusammen mit William Gillette hat Doyle dieses erste Theaterstück um den genialen Detektiv geschrieben, in dessen Aufführung im Jahr 1903 unter anderem der junge Charly Chaplin mitspielte. Dieser wirkte auch in dem 1905 uraufgeführten Stück »The Painful Predicament of Sherlock Holmes« mit, in dem William Gillette die Hauptrolle übernahm. In diesem kurzen Theaterstück spricht Sherlock Holmes, der Meister der genialen Deduktionen, kein einziges Wort. Arthur Conan Doyle schrieb noch einige weitere Theaterstücke über Sherlock Holmes, von denen eines, »Angels of Darkness«, erst in den 40er Jahren wiederentdeckt wurde. In den Jahren 1889 und 1890 geschrieben, kam es erst 2008 zur Aufführung. Basil Rathbone, der den Meisterdetektiv in zahlreichen Filmen verkörpert hat, spielt Sherlock Holmes auch einmal auf der Bühne. Das Stück »Sherlock Holmes«, geschrieben von seiner Frau Ouida Rathbone wurde 1953 jedoch schon nach drei Aufführungen wieder abgesetzt.

Sherlock Holmes zum Hören – Radio, Hörspiel und Hörbuch

Der Meisterdetektiv erobert das Radio

Seit den 1930-er Jahren löst Sherlock Holmes bekannte und neue Fälle im Radio. Bislang sind über 750 englischsprachige und etwa 300 deutschsprachige Audio-Adaptionen entstanden. Alles begann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Schauspielerin, Autorin und Produzentin Edith Meiser dem berühmten britischen Detektiv ins amerikanische Radio verhalf. Bis 1942 schrieb Meiser die Drehbücher für kanonische Fälle und selbsterdachte Pastiches, die vom NBS Radio Network produziert und gesendet wurden. Hauptdarsteller der ersten gesendeten Radioproduktion war der Schauspieler William Gillette, der Sherlock Holmes bereits in mehreren Theaterstücken gespielt hatte.

Filmstars im Radio

1939 übernahm Basil Rathbone den Part des Meisterdetektivs, und Nigel Bruce sprach von nun an Dr. Watson. Beide standen in diesen Rollen auch gemeinsam vor der Kamera und gelten bis heute als eines der bekanntesten Schauspielerduos, die jemals Sherlock Holmes und Dr. Watson verkörperten. Die frühen Radioproduktionen waren oft mit prominenten Schauspielern besetzt, so sprach Orson Welles den berühmten Detektiv im Radio Play »The Immortal Sherlock Holmes« und kehrte als dessen Nemesis Professor Moriarty im Hörspiel »The Adventure of the Final Problem« im Jahr 1955 wieder. In Deutschland entstanden die ersten Radioproduktionen von Arthur Conan Doyles Erzählungen im Jahr 1947. Produziert wurden sie vom NWDR, dem Nordwestdeutschen Rundfunk, der sich 1955 in NDR und WDR teilte. Auch in den deutschsprachigen Radiohörspielen wirkten bekannte Schauspieler wie Peter Pasetti und Horst Tappert mit.

Die besten Fälle bei Der Audio Verlag als Hörspiel

Als in den 80er Jahren Kassetten den Markt eroberten, wurden viele Sherlock-Hörspiele und -Hörbücher für den Verkauf produziert. Mit der BBC-Serie »Sherlock«, die den Meisterdetektiv in das 21. Jahrhundert versetzt, ist die Begeisterung für Sherlock Holmes und Dr. Watson wieder ungebrochen. Dabei sind die kanonischen Erzählungen von Arthur Conan Doyle genauso beliebt wie Pastiches, in denen Sherlock Holmes ganz neue Fälle löst.

Bei DAV sind sechs Boxen erschienen, die die spannendsten, besten und neue Fälle als Hörspiele versammeln. Peter Pasetti, Christian Brückner, Klaus Behrendt und viele andere Sprecher erwecken die Figuren mit ihren Stimmen zum Leben. In »Die verschollenen Fälle« löst das Ermittlerduo bisher unbekannte Fälle, während die Box »Die größten Fälle« die bekanntesten Abenteuer von Sherlock Holmes, wie »Der Hund der Baskervilles« und »Das letzte Problem«, beinhaltet. Holmes’ Rückkehr ist neben anderen spannenden Fällen in der DAV-Edition »Meisterhafte Fälle von Sherlock Holmes & Dr. Watson« zu hören.

Ab Oktober ermitteln Sherlock Holmes und Dr. Watson mit der neuen DAV-Hörspielreihe »Sherlock & Watson« im modernen London: Ein neues Kapitel in der Sherlock-Holmes-Geschichte beginnt!


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